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Bad Vilbel trauert um Karl Corino

Der Literaturkritiker, Schriftsteller und langjährige Literaturchef des Hessischen Rundfunks Karl Corino ist am 8. September 2026 im Alter von 83 Jahren in Tübingen gestorben. Mit ihm verliert die deutsche Literaturwelt einen ihrer kenntnisreichsten und streitbarsten Beobachter. Bad Vilbel verliert zugleich einen früheren Bürger, der die kulturelle Entwicklung der Stadt über viele Jahre mit seinen Ideen, seiner Erfahrung und seinen Verbindungen begleitet hat.

Karl Corino lebte über Jahrzehnte in Bad Vilbel. Hier befand sich sein Lebensmittelpunkt während wichtiger Jahre seines beruflichen Wirkens. Seit 1970 arbeitete er für den Hessischen Rundfunk, ab 1985 leitete er dessen Literaturredaktion. Weit über die Region hinaus wurde er als genauer Kenner der Literatur der DDR und als Förderer von Autoren bekannt, deren Stimmen im staatlich gelenkten Kulturbetrieb der DDR unterdrückt wurden. Schriftsteller wie Reiner Kunze und Wolfgang Hilbig fanden in ihm einen aufmerksamen Vermittler und entschiedenen Unterstützer.

Seine besondere wissenschaftliche Leidenschaft galt Robert Musil. Mit seiner monumentalen Musil-Biografie setzte Karl Corino Maßstäbe. Sie machte ihn zu einem der bedeutendsten Musil-Forscher seiner Zeit. Zugleich war er ein Kritiker im besten Sinne des Wortes: unabhängig, beharrlich und bereit, auch dort genauer hinzusehen, wo sich längst bequeme Gewissheiten gebildet hatten. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz.

Für Bad Vilbel besitzt sein Wirken jedoch noch eine andere, ganz eigene Bedeutung. Es ist eng mit dem kulturellen Aufbruch der Stadt in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren verbunden.


Der damalige Bürgermeister Günther Biwer hatte früh erkannt, dass Bad Vilbel mehr sein musste als eine gut gelegene Wohnstadt vor den Toren Frankfurts. Sollte die Stadt nicht zu einer bloßen Schlafstadt werden, brauchte sie ein eigenes kulturelles Profil, eigene Veranstaltungen und Orte, an denen Begegnung, Kunst und gesellschaftlicher Austausch möglich wurden. Dieses Ziel verfolgte Biwer mit großer Beharrlichkeit und bemerkenswertem kulturpolitischem Gespür.

Dabei verstand er es meisterhaft, bedeutende Persönlichkeiten des Kulturbetriebs, die in Bad Vilbel lebten und wirkten, um sich zu versammeln. Zu diesem Kreis gehörten neben Karl Corino der Schriftsteller und spätere Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Herbert Heckmann, Henning Wicht, der damalige stellvertretende Intendant des Hessischen Rundfunks, sowie Jörg Heyer, der frühere Leiter der Bad Vilbeler Musikschule. Gemeinsam wurden Ideen entwickelt, Kontakte hergestellt und Möglichkeiten ausgelotet, wie eine eigenständige Bad Vilbeler Kulturlandschaft entstehen konnte.

„Ich habe Karl Corino in der Zusammenarbeit mit Günther Biwer kennengelernt – ebenso wie Herbert Heckmann, Henning Wicht und Jörg Heyer. Karl Corino habe ich als außergewöhnlich kenntnisreichen, klar urteilenden und der kulturellen Entwicklung Bad Vilbels eng verbundenen Menschen erlebt und sehr geschätzt. Diese Persönlichkeiten gaben der damals noch jungen Kulturarbeit unserer Stadt wichtige Impulse und zugleich den notwendigen Rückhalt“, erinnert sich Claus-Günther Kunzmann, Leiter des Fachbereichs Kultur der Stadt Bad Vilbel.

Karl Corino brachte in diesen Kreis nicht nur seine große literarische Kenntnis ein. Er verfügte durch seine Arbeit beim Hessischen Rundfunk über ein weitgespanntes Netzwerk zu Schriftstellern, Verlagen und kulturellen Institutionen. Er kannte die aktuellen Debatten des Literaturbetriebs und wusste, welche Themen und Persönlichkeiten ein Publikum erreichen konnten. Dieses Wissen stellte er auch seiner Heimatstadt zur Verfügung.

Aus diesem geistigen Umfeld entstanden die Bad Vilbeler Kulturtage, an deren Entwicklung Corino gemeinsam mit Herbert Heckmann, Henning Wicht, Jörg Heyer, Günther Biwer und weiteren engagierten Bürgern beteiligt war. Bei Lesungen und Begegnungen wirkte Corino auch selbst als kundiger und souveräner Moderator. Die Kulturtage brachten Autoren und internationale Literatur nach Bad Vilbel und zeigten, welches kulturelle Potenzial in der Stadt vorhanden war.

Die Bedeutung dieses Kreises ging jedoch über einzelne Veranstaltungen hinaus. Gerade in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren war die Unterstützung durch Persönlichkeiten wie Karl Corino wichtig. Sie gaben den kulturpolitischen Ambitionen des Bürgermeisters Rückhalt und Gewicht – auch in den mitunter schwierigen Auseinandersetzungen um die Frage, welchen Stellenwert Kultur in der kommunalen Entwicklung einnehmen sollte.

Die Kulturtage und die Gespräche dieses Kreises bereiteten den geistigen Boden für vieles, was Bad Vilbel heute auszeichnet. Mit dem Kulturzentrum Alte Mühle und den Burgfestspielen entstanden dauerhafte Einrichtungen, die das Bild der Stadt weit über ihre Grenzen hinaus prägen. Karl Corino war nicht der organisatorische Gründer dieser Einrichtungen. Er gehörte aber zu jenen wichtigen Ideengebern und Unterstützern, ohne deren Rat, Ermutigung und öffentliches Gewicht der kulturelle Aufbruch Bad Vilbels schwerer gewesen wäre.


Seine Verbindung zu Bad Vilbel war damit weit mehr als die Beziehung zu einem langjährigen Wohnort. Karl Corino stellte seine Erfahrung und seine intellektuelle Autorität in den Dienst einer Stadt, die damals erst begann, ihr eigenes kulturelles Selbstverständnis zu entwickeln. Er half mit, den Blick über den kommunalen Alltag hinaus zu öffnen und Bad Vilbel als Ort von Literatur, Theater, Musik und kultureller Begegnung zu denken.

Vieles von dem, was damals mit Mut, persönlichem Einsatz und nicht selten gegen Widerstände begonnen wurde, gehört heute selbstverständlich zur Identität Bad Vilbels. Auch darin wirkt Karl Corinos Beitrag fort. Bad Vilbel wird Karl Corino als bedeutenden Literaturkritiker und Schriftsteller, vor allem aber als einen klugen Begleiter und Impulsgeber seiner kulturellen Entwicklung in dankbarer Erinnerung behalten.